Was NP trotz eskaliertem Bürgerkrieg tun kann PDF Drucken E-Mail

Bericht aus Sri Lanka:

Was NP trotz eskaliertem Bürgerkrieg tun kann

Januar-Februar 2008

Das Jahr 2008 hat in Sri Lanka nicht sehr viel versprechend begonnen. Am Neujahrstag wurde ein tamilischer Abgeordneter ermordet, während er in einem berühmten Hindutempel betete. Sein Leibwächter wurde ebenso getötet und andere Tempelbesucher verletzt. Am nächsten Tag gab die Regierung von Sri Lanka bekannt, dass sie das sechs Jahre alte Waffenstillstandsabkommen, das 2002 mit den "Befreiungstigern" von Tamil Eelam (LTTE) vereinbart worden war, kündigen wird.

Eine Woche später wurde der Minister für den Nationalen Aufbau getötet. In den folgenden Wochen - während den Vorbereitungen für die Feierlichkeiten zum  60. Jahrestag der Unabhängigkeit von Sri Lanka  - waren die Tageszeitungen voll von Berichten über Selbstmordattentate, deren Opfer meistens Zivilpersonen waren, über Morde und verschwundene Personen, Razzien und Verhaftungen sowie über die flüchtende Bevölkerung infolge von Militäroperationen im Norden. Sri Lanka ist rasch in einen totalen Bürgerkrieg geschlittert.

Während des Waffenstillstands hatte die norwegische Monitoring Mission zwar auch zahlreiche gewaltsame Auseinandersetzungen dokumentiert, aber gleichzeitig wurden das Engagement der internationalen Gemeinschaft und die Präsenz der internationalen Beobachter als enorm wichtig für die Sicherheit und das Vertrauen der Zivilbevölkerung  anerkannt. Nun wurde aber klar, dass einer militärischen Option anstatt einer Verhandlungslösung der Vorzug geben wurde. Der Befehlshaber der Armee, Sarath Fonseka, erklärte, dass die LTTE seiner Meinung nach innerhalb eines Jahres vernichtet werden könnte und dass nach ihrer Niederlage die endgültige politische Lösung leicht zu erreichen wäre.

Nach der Kündigung des Waffenstillstands und dem Rückzug der internationalen Beobachter hat sich die Lage der Zivilisten enorm verschlechtert. Militärische Schlachten im großen Stil, Bombardierungen im Norden in Kombination mit zunehmenden gezielten Tötungen und Selbstmordattentaten im ganzen Land haben zahlreiche Tote und hunderte verwundete Zivilpersonen hinterlassen. Menschen haben Angst, sind misstrauisch und in ständiger Sorge um ihre Sicherheit. Es gibt eine gewisse Akzeptanz vom Krieg als Realität, inklusive einer ständig steigenden Inflation, die vor allem die Familien mit niedrigem und mittlerem Einkommen trifft. Internationale Medien-Beobachter berichten, dass Sri Lanka zurzeit hinter Irak und Somalia als drittgefährlichster Ort für Journalisten gesehen wird.

Trotz allem sollten in März Kommunalwahlen in der Batticaloa Region durchgeführt werden. Die letzten Wahlen fanden vor 14 Jahren statt. Obwohl die Region jetzt vollständig unter der Kontrolle der Regierung steht, wurde allgemein bezweifelt, dass die Wahlen frei und fair  ablaufen würden. Die Wahlbeobachtungsorganisation "People’s Action for Free and Fair Elections" (PAFFREL), die Partnerorganisation von NP, hat auch dieses Mal NP um Unterstützung gebeten, um internationale Wahlbeobachter vor Ort zu haben. NP war in der Vorwahlperiode und am Wahltag präsent und unterstützte die etwa 100 nationalen Beobachter. NP wird in Kürze ein Bericht über diesen Einsatz erstellen.


np_sl_matara2004_0.thumbnail Der Handlungsspielraum der internationalen Organisationen im Land wird immer enger, und mehrere haben ihre Arbeit reduziert oder ganz das Land verlassen. In mehreren Fällen hat die Regierung die Visa der Leiter solcher Organisationen zurückgezogen. Diese Situation gefährdet viele humanitäre Projekte. Der Schutz für bedrohte Personen und Gemeinschaften ist wichtiger denn je, besonders betroffen von dem Krieg sind die tamilischen Gebiete.

Trotz der eskalierten Kriegssituation setzen unsere Teams der Nonviolent Peaceforce ihre Arbeit fort und bieten internationale Präsenz, Beobachtung und Begleitung von Einzelpersonen und von lokalen Gruppen in den vier Regionen an, wo wir leben und arbeiten. Nach der Kündigung des Waffenstillstands haben mehrere  unserer lokalen und nationalen Partnern in den letzten Wochen betont, dass die Anwesenheit der NP noch nie so wichtig und wertvoll war wie jetzt. Einer hat uns geschrieben: "NPs Anwesenheit hat einen enormen Wert und kann in der aktuellen Situation nicht überschätzt werden."

Besonders deutlich wurde dieser Bedarf nach der Ankündigung von NP, dass sie Ende 2007 einen der vier Einsatzorte wegen fehlender Finanzierung schließen müsse. Die Partnerorganisationen in ganz Sri Lanka bemühten sich, potentielle Finanzierungsquellen zu finden, zum Teil mit Erfolg. Dementsprechend ist es für die NP jetzt möglich, auch das nördliche Büro in Jaffna für mehrere weitere Monate zu unterhalten. Gerade jetzt, wo sich die Kämpfe vom Osten nach Norden verlagern, ist die Präsenz im Norden des Landes enorm wichtig.

Die Arbeit der Teams

Anfang des Jahres hat der neue Projektdirektor für NP in Sri Lanka , Roland Roescheisen aus Deutschland, seine Arbeit begonnen.

Die Programm-Koordinatoren von allen Teams trafen sich im Januar und Februar in Colombo, um die Arbeit des Jahres 2007 zu reflektieren und die neuen Ziele für 2008 festzulegen:

Das Ziel der NP in Sri Lanka 2008 ist die Unterstützung der lokalen und nationalen Partner, um die Sicherheit der Zivilbevölkerung zu erhöhen und um die Menschenrechte der gefährdeten Gruppen zu schützen. Die Partner werden dabei unterstützt, mehr Raum für Dialog und Beteiligung der Gemeinschaften zu schaffen, um eine gewaltfreie Lösung der Konflikte zu ermöglichen.

Die wichtigsten Zielsetzungen:

  1. Stärkung der lokalen Organisationen und Individuen, die sich für Menschenrechte, Frieden und Gerechtigkeit einsetzen.
  2. Unterstützung des Aufbaus und der Weiterentwicklung von formellen und informellen Netzwerken, die auf kommunaler Ebene arbeiten, um Gewalt vorzubeugen, zu verhindern oder die Folgen von Gewalt zu vermindern.
  3. Förderung von koordinierten Aktionen für menschliche Sicherheit auf kommunaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene.

Schwerpunkte für die gesamte Arbeit von NP in Sri Lanka:

  • Frühe und/oder Notfall-Reaktionen
  • Vertrauensbildung und gewaltfreies Engagement
  • Förderung und Unterstützung von Netzwerken
  • Bewusstseinsbildung und Überzeugungsarbeit

Des weiteren wurden die konkreten Arbeitspläne für 2008 zur Erreichung dieser Ziele erörtert  und beschlossen. Da die Geldgeber immer mehr an Ergebnissen orientierte Überprüfungen und Rechenschaft über die Projektaktivitäten verlangen, sind immer mehr Berichte nötig. Außerdem verlangte die neue Sicherheitslage nach der Kündigung des Waffenstillstands eine Überprüfung unsererseits, inwieweit wir unsere Arbeitsabläufe, Aktivitäten und Sicherheitsvorkehrungen verändern müssen.

Die Arbeit des Teams in Colombo

Die Präsenz des Einsatz-Teams in Colombo ist weiterhin eine extrem wichtige Ergänzung und Erweiterung der Arbeit vor Ort im Norden und Osten.

Ein Schwerpunkt des Teams war die schützende Begleitung in Fällen, in denen die Teams in den Konfliktregionen Unterstützung in Colombo brauchten, sowie von zusätzlichen Anfragen lokaler Partner und Netzwerke der Zivilgesellschaft. Intensiven Arbeitseinsatz verlangen von Zeit zu Zeit hochriskante Fälle, die niemand anders übernehmen will. Um ein Beispiel zu nennen: Nach mehreren Versuchen des Teams, eine sichere Unterkunft für eine Mutter mit ihren zwei kleinen Kindern zu finden, bekam die Frauenorganisation, die ursprünglich helfen wollte, im letzten Moment "kalte Füße", weil sie um ihre eigene Sicherheit fürchtete. So mussten wir von vorne anfangen, um eine Lösung für diese hochtraumatisierte Familie zu finden. Viel zu oft geht es um einzelne Frauen, die ihren Ehemann verloren haben, oder um Kinder, die ihren Vater verloren haben, die sonst nur wenig Unterstützung erhalten. In der Arbeit mit gefährdeten Familien muss mit solchen Rückschlägen immer wieder gerechnet werden.

Das Team unterstützt außerdem Versuche, für diese Fälle ein koordinierteres Vorgehen aller Akteure der Zivilgesellschaft in Colombo zu entwickeln. Insgesamt ist Netzwerkbildung und Kontaktaufbau zu lokalen und nationalen Organisationen in der Hauptstadt ein wichtiger Arbeitsschwerpunkt, um mehr Unterstützung und Bewusstsein für die Konfliktsituation im Norden und Osten zu erreichen. Immer öfter wird die NP um Rat gefragt, wenn Organisationen Erkundungen in diesen Regionen vornehmen wollen.

Die Arbeit des Teams im Jaffna Distrikt

Das Jaffna Team hat seine Arbeit fortgesetzt zum Schutz von bedrohten Individuen und Familien, Kindern und Frauen, Menschenrechtsaktivisten und Aktivisten in den Gemeinden, von nationalen MitarbeiterInnen verschiedener NGOs, für die Kämpfer, die sich ergeben haben, für Studenten und für mehrere bedrohte Kommunen.

Im Bereich des Kinderschutzes haben NP und UNICEF (Kinderhilfswerk der UNO) zusammen Sicherheitshinweise für Kinder auf dem Weg zur Schule und Zuhause entwickelt, die Teil einer öffentlichen Kampagne in den Schulen bilden.

In Jaffna gibt es eine Gruppe von etwa 65 Jugendlichen, Männern und Frauen, die vorher gekämpft und sich dann freiwillig ergeben haben und sich jetzt im Gefängnis oder in sogenannten Rehabilitationszentren befinden. NP und UNICEF begleiten und besuchen die Frauen und Kinder und versuchen, den größtmöglichen Schutz für diese Menschen zu garantieren. NP ist es gelungen, vertrauensvollere Kontakte zu den Behörden sowohl im Gefängnis als auch im Rehabilitationszentrum aufzubauen.

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NP hat mehreren Menschen individuell geholfen, die bedroht waren. Ihr Fall wurde weitergeleitet zur Menschenrechts- kommission, zum Roten Kreuz, oder sie wurden zu sicheren Plätzen oder zum Flughafen begleitet. In einem Fall führte die schnelle Reaktion des Teams zur Befreiung eines entführten Mannes am selben Tag dank der Unterstützung der Ehefrau und den Kindern.

Das Jaffna Team ist außerdem führend beteiligt an der Sicherheitskoordination der Internationalen Organisationen und an der Protection Working Group (Arbeitsgruppe für den Schutz). Dazu gehören Koordinierungstreffen alle zwei Wochen mit UNHCR (Flüchtlingsorganisation der UNO) , UNICEF und anderen Hilfsorganisationen. Die Präsenz der NP in dieser extrem gefährdeten Region bleibt eine enorm wichtige Arbeit.

Die Arbeit des Teams in Trincomalee Distrikt

Obwohl das Team zeitweilig personell unterbesetzt war, hat es mehrere wichtige Aufgaben übernommen. Die Priorität bleibt Präsenz und die Begleitung von bedrohten Personen und Familien sowie den vielen gefährdeten Gruppen der Zivilgesellschaft, lokalen Organisationen und Friedenskomitees, die nicht immer in allen drei ethnischen Gemeinschaften (Tamilen, Singhalesen und Muslimen) arbeiten können. Viele Gruppen, einschließlich des lokalen Menschenrechtkomitees, brauchen immer wieder die NP für ihre Arbeit und Begleitung zu den Untersuchungen vor Ort. Unter anderem können die Auseinandersetzungen in den Grenzregionen über ungeklärten Landbesitz schnell zu Gewalt führen. Das Team aus Mutur hat seinen Sitz zur Zeit in der Stadt Trinco, macht aber regelmäßige Besuche bei den Partnern in Mutur.

Die Beziehungen zur Polizei sind weiterhin eng, weil die NP die Arbeit der Friedenskomitees unterstützt, die ursprünglich in der Distriktverwaltung unter der Schirmherrschaft der Polizei etabliert wurden. Ohne die Ermutigung und Netzwerkarbeit von NP würden diese Friedenskomitees leicht aufgeben. Sie erhalten Trainings u.a. dank der Unterstützung von NP Japan.

Das Team besucht regelmäßig die Flüchtlingslager und kooperiert mit UNHCR und dem Norwegischen Flüchtlingswerk sowie mit weiteren Hilfsorganisationen, um die notwendigen Hilfslieferungen und den Schutz der Bewohner zu sichern. Nach dem Krieg in dieser Region 2006-2007 hatte die Regierung große Gebiete als Hochsicherheitszonen deklariert, was die Rückkehr der Flüchtlinge zu ihren Häusern verhinderte. Es ist schwierig, neue Siedlungsgebiete zu errichten, und die Bevölkerung leidet unter großer Armut und Gefahr von neuen Konflikten.

Die Arbeit des Teams in Batticaloa Distrikt (die Stadt Batti und Valaichchenai)

Die beiden Teams in Batti und Valaichchenai haben eine schwierige Phase mit der Beobachtung der Vorwahlzeit als Hauptaufgabe hinter sich. Das Wahlmonitoring-Team hat alle Parteien, Sicherheitskräfte und Polizei, Wahlkomitees und andere Regierungsbeamte sowie zivilgesellschaftliche Gruppen besucht. Diese Arbeit hat NP neue oder erneuerte Kontakte ermöglicht.

Aber das Team hat auch seine normale Arbeit zum Schutz der bedrohten Gemeinschaften fortgeführt. Die Fälle von Tötungen und Entführungen sind jetzt geringer, aber einigen Jugendlichen ist die Flucht von bewaffneten Gruppen gelungen, und die Familien haben die Hilfe der NP für die sichere Unterbringung dieser Personen gebraucht. Beschützende Begleitung war in vielen Situationen gefragt. Die Beziehungen zu Kinderhilfsorganisationen der Regierung wurden gestärkt. Dies hat auch das Vertrauen der Familien vergrößert, die jetzt selbst um Unterstützung bei Regierungsorganisationen bitten können. NP hat Treffen initiiert, um mehr lokale Aktivisten in kommunale Kinderschutzaktionen einzubinden. Diese Bemühungen sollen auf nationaler Ebene fortgesetzt werden, und die regionale Programm- Managerin von NP ist beteiligt an dem nationalen Planungskomitee in Colombo.

Die Unterstützung für ehemalige Kindersoldaten wird auf verschiedenste Weise fortgesetzt, u.a. indem Treffen der diversen Schulungszentren ermöglicht werden, die für die Reintegration zuständig sind. Ebenso wurden die Familien unterstützt, die ein sicheres Zuhause für ihre Kinder aufbauen wollen.

Beide Teams versuchen, breitere Netzwerke für Frühwarnsysteme zu entwickeln, damit gewaltsame Konflikte frühzeitig entdeckt und eventuell im Vorfeld verhindert werden können. Hilfreich sind hier neue Kontakte zu den muslimischen Gemeinden in Kattankudy.

Die langsame, aber bedeutende Arbeit zum Aufbau einer Gemeinschaft von Frauen, die ihre Kinder verloren haben, weil sie zu Kindersoldaten wurden, geht voran. Um diese Frauen aus ihrer Verzweifelung und Isolation zu befreien, wurden zwei Treffen unter der Führung von lokalen Aktivisten in Valaichchenai mit etwa 100 Teilnehmerinnen organisiert. Sie bereiteten eine öffentliche Veranstaltung vor, um eine lang geplante Veröffentlichung einer Broschüre über die Geschichte dieser Frauen in Gedichtform vorzustellen. Darin werden auch die anderen Aktivitäten der Gruppe geschildert, vor allem der Aufruf zur sicheren Rückkehr aller Kinder anlässlich des Internationalen Friedenstags im vergangenen September. Das wichtigste Ergebnis des Tages war eine neue  enge Verbindung zwischen den Eltern, deren Kinder befreit werden konnten, und denen, die noch auf die Rückkehr warten müssen.

Nonviolent Peaceforce zeigt Wirkung in Sri Lanka.

Bericht von Rita Webb, 10 März 2008, übersetzt und leicht gekürzt von Outi Arajärvi

 

 
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